“Die Eisprinzessin hat mir einst dieses Lied geschickt”, sage ich, nachdem ich nach langer Zeit wieder darüber gestolpert war. Die Sehnen meiner Unterarme ziehen sich zusammen und ich schieße die Anspannung mit zwei Wurfdolchen zur Seite. “Es war gelogen”, seufze und fluche ich in den Raum und bin mir nicht sicher, welche Seite mich mehr trifft. Dass sie mich belogen oder dass ich ihr geglaubt und vertraut habe.
Ich drehe mich schrittweise gegen den Uhrzeigersinn im Kreis und schleudere ein Messer nach dem nächsten in die Wand. 180° reichen. Mein Inneres zersplittert und ich zerberste in einem Lichtball, bevor ich zu Boden falle, zur Ruhe komme und einmal tief einatmen kann.
Er gibt mir die Zeit, die ich brauche. Ich bleibe liegen, regeneriere, fließe, atme. Sammele mich selbst zusammen und setze mich nach einer Weile auf. Es ist nicht das erste Mal.
“In gewisser Hinsicht sagt das Jademädchen dasselbe”, schmunzele ich.
“Und das macht dir Angst?”
“Nein”, schüttele ich den Kopf. “Zumindest nicht in dem Ausmaß wie es zu erwarten wäre. Am ehesten noch, dass sie sich in etwas, in mich verrennt und ich ihr nicht geben kann, geben will, was sie verdient.” Ich nippe an meiner Tasse. “Der entscheidende Unterschied, neben einem Gefühl der Verbundenheit, das irgendwie im Raum steht, ist, dass sie ihre eigenen Worte benutzt. Wie weit muss die Eisprinzessin von sich weg gewesen sein”, hauche ich mit einem tief verborgenen Mitgefühl, “dass ihr der Ausdruck nur auf derartigen Wegen möglich war. Zitate. Aus Filmen, Büchern, Musiktiteln. Weil ihr die eigenen Worte gefehlt haben oder sie sie, sie sich nicht zeigen wollte.” Ich seufze. Er schweigt und ist da.“Weißt du denn schon, was das mit euch wird?”, fragt er seitlich in den Raum.
Ich schüttele den Kopf. “Und es interessiert mich auch nicht. Wir werden uns irgendwann auf einen Kaffee treffen, menschlich berührt sein oder auch nicht, dasitzen und schweigen. Alles darüber hinaus ist sicherlich unterhaltsam auszumalen, aber irrelevant.” Ich schmunzele. “Wobei ich gerade nicht umher komme es zu tun.” Ich nippe an meiner Tasse und es braucht keiner Nachfrage, sondern eher ein “Erzähl’s mir nicht.”, würde er es nicht wissen wollen.“Am Ende wirst du sie heiraten, oder?”
Ich schüttele den Kopf und weiß, dass er die Eisprinzessin meint. “Maria meinte das zwar auch”, entgegne ich und war einen Blick zuvor derselben Meinung, “aber ist es unwahrscheinlich.” Meine Leben spielen sich vor meinen Augen ab. Wie ich mit dem Jademädchen zusammen komme, wir uns ein, zwei Jahre gegenseitig heilen, auseinandergehen und bleiben. Wie die Eisprinzessin vor unserer Wohnungstür steht und sie die ist, die sich ihrer annimmt. Wie ich sie heirate und mit ihr glücklich bin. Wie wir Kinder kriegen. Ein Dreier mit dem Jademädchen, das lieber “Fire Queen” genannt werden wollen würde, und der Eisprinzessin. Gleichberechtigt und gleichauf. Das Weiterspinnen des Angel A-Strangs, eine Wiederbegegnung mit Prinzessin Amidala auf der Straße, eine sexuelle Verstrickung mit meiner besten Freundin, nichts von alledem… die möglichen Verläufe meines Lebens kollidieren, verschmelzen und verschwimmen vor meinem geistigen Auge zu einem einzigen Bild, dass meine Wimpern flügelschlagartig zu zucken anfangen und ich für einen Moment ohnmächtig werde.Reset. Alles auf Anfang. Ich nippe an meiner Tasse. “Zu viele Möglichkeiten”, sage ich und erinnere mich daran, wie ich letztens zweien meiner besten Freunde sagte, dass die Eisprinzessin vielleicht nur eine Einschränkung meines Körpers war. Zu viele Frauen, zu viele interessant, verlieb dich unsterblich in die erstbeste und du hast keine Augen mehr für eine andere. Eine Option, die mir gegenwärtig nicht mehr gegeben ist. Die ich mir selbst nicht mehr gebe. Nicht hier und nicht jetzt.
Er nippt an seiner Tasse. “Und, wie gedenkst du damit umzugehen?”
“Indem ich mich immer wieder neu entscheide”, sage ich und bin beeindruckt von der Gewalt dieses Satzes.
“Also könntest du dich auch entscheiden die Eisprinzessin nicht mehr zu lieben.”
“Wenn es sich so anfühlt”, nicke ich und bin gleichzeitig der Überzeugung, dass sich ein derartiges Wohlwollen niemals auflöst. Verändert, möglicherweise, aber niemals vollständig verschwindet. “Und werde ich sie deswegen vermutlich irgendwann aufsuchen”, füge ich hinzu, “um es für mich zu klären. Ohne Nachfrage, ohne Angebot, ohne Vorankündigung. Ich werde in ihre Veranstaltung spazieren, mich still dazusetzen und sie mir ansehen. Bleiben oder gehen.”
“Und dich in jedem Augenblick neu entscheiden.”
“Und mich in jedem Augenblick neu entscheiden, ja.”

